Gedanken
einer Mutter
Die
Tür vom Taxi ist zu – noch ein schneller Blick durch die
Scheibe, ein kurzes Winken – dann geht es los. Das Taxi setzt
sich mit Johannes, meinem sechs jährigen Sohn, und zwei anderen
Kindern in Bewegung. Auf dem Weg zur Schule wird noch das eine oder
andere Kind dazukommen.
Ich schaue dem Taxi nach. In etwa acht Stunden werde ich wieder hier
stehen, um ihn in Empfang zu nehmen. Wir beide, Johannes und ich, werden
viel erlebt haben. Bruchstücke von seinen Erfahrungen, Begegnungen
und Erlebnissen wird er mir erzählen können, manches kann
ich in seinem Büchlein nachlesen. Der Rest ist Vertrauen. Der Ablöseprozess
vom eigenen Kind gehört in jeder gesunden Familie dazu. Alle Eltern
müssen sich von ihren Kindern lösen, und die Kinder von ihren
Eltern. Doch bei Kindern, die auf eine Heilpädagogische Schule
gehen, setzt der Prozess früh ein, sind die Zeiten der „Fremd-betreuung“
lang. Zumal wenn man bedenkt, dass das Entwicklungsalter unserer Kinder
oft niedriger ist als bei Kindern ohne einschneidende Behinderungen.
Ich gehe ins Haus – es ist still. Meine Gedanken sind noch einmal
bei Johannes: Er hat so schlecht geschlafen – wird er den Tag
gut überbestehen? Es ist doch recht kühl heute – ob
ich ihn warm genug angezogen habe, falls sie nach draussen gehen? Und
ich merke: Jetzt kommt der Punkt, an dem ich mich entscheiden muss:
Sorgen oder Vertrauen? Vertrauen!
Ich bin dankbar für die vielen Menschen, denen Johannes heute begegnen
wird, Menschen, die ihr Bestes geben werden, um ihm gerecht zu werden,
so, wie er ist: Müde oder ausgeschlafen, zu warm oder zu kalt angezogen.
Menschen, die ihn dort abholen, wo er steht, und die sich viele Gedanken
darüber machen, wie er einen kleinen Schritt nach vorne machen
kann. Menschen, die es auch aushalten, wenn es mal einen Schritt zurück
geht. Aber eben Menschen. Denen auch einmal ein Fehler passiert –
so, wie mir auch. Die auch mal einen schlechten Tag haben – so,
wie ich auch. Die auch mal nicht alle Geduld der Welt haben –
so, wie ich auch. Meine acht „freien“ Stunden vergehen erstaunlich
schnell – Hausarbeit und Termine auswärts, Telefonate, meine
Arbeitsstelle und, wann immer es möglich ist, ein paar ruhige Momente
nur für mich. Welch ein Geschenk! Zeit, Kräfte zu sammeln,
um dann wieder ganz da zu sein, um mir Zeit zu nehmen für dieses
kleine, mir anvertraute Menschlein. Wie schön, dass es ihn gibt!
Silke
Mattner, Mitglied des Elternforums